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Bieler Tagblatt, 18.09.2006

Premieren-Triumph: „Il Barbiere di Siviglia“ unter der Leitung von Franco Trinca und der Gestaltung von Paul Esterhazy und Pia Janssen dürfte zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Theaters Biel-Solothurn werden ... Die Handlung ist in den (...) Opernführern meist etwas verschämt als „Komödie der Verwirrungen“ verknappt. Diese Beschreibung wird der triumphalen Bieler Wieder­gabe von Gioacchino Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ etwa so gerecht, wie den Kom­ponisten Rossini bloss einen heiteren Musikanten und Lebemann zu nennen...

Die Inszenierung ist in jeder Szene, in jedem Moment eine Festivität der Schlitz­ohrigkeit und da, wo es der Librettist Cesare Sterbini und Rossini mit seiner Musik an komischen und grotesken Einfällen schon faustdick hinter den Ohren hatten, setzt Paul Esterhazy (Inszenierung) noch einen drauf, indem er mit Vorliebe die letzten Reste an Ernst (etwa die Chorszene am Ende des ersten Akts) oder lyrischer Intimi­tät (Liebesduett) der Oper mit mancherlei aberwitziger Tändelei ironisch bricht und so geradezu eine neue Mass-Einheit für die Dicke der sprichwörtlichen Faust hinter den Ohren einführt ... Die Inszenierung gepaart mit der Bühnenausstattung und den Kostümen (man merkt, dass Paul Esterhazy und Pia Janssen nicht zum ersten Mal zusammenarbeiten) ist von rasanter Komik oder andersrum von irrwitzigem Tempo ... Das Sängerensemble scheint an diesem Premierenabend eine Quelle der Spiel­freude angezapft zu haben. Das war nicht nur die Schau ihrer Sing- und Schau­spieltalente, das war wirkliches spontanes und ergreifendes Spielen und gegenseiti­ges „Anfeuern“. Herausragend der völlig entfesselte, dabei eigentlich nur herum­schlurfende und zum Wälzen komische Michele Govi in der Rolle des Dottor Bartolo, der es als angejahrter Junkie (das Neudeutsche möge man dadurch entschuldigen, dass sich der falsche Soldat gegenüber Bartolo auch sehr amerikanisch anhört) und lüsternen Ekels unbegreiflicherweise schafft, nicht alle Liebenswürdigkeit preis­zugeben, ja sogar, dass man den Tölpel mag. ...

...Die Szene, in der Bartolo das Hotelbett schließlich zum Grab macht, nachdem es sich bereits als „Keller“ entpuppt hat, in dem schon andere „Leichen“ lagern, wie der ominöse „Idée-fixe“-Koffer, oder ein Polizist im Louis-de-Funès-Format (Konstantin Nazlamov), gerät in der auf die Spitze getriebenen musikalischen und lichttechni­schen Dramatik und dank dem Einsatz des Ensembles zum postmodernen Totentanz und scheint jedenfalls nicht von dieser Welt ... Grandiose Arbeit wurde gerade auch in der Schneiderei und in der Werkstatt geleistet. Nicht nur der Einfall, die kleine Bieler Bühne in eine noch kleinere, absolut original-miefige Motelbude zu verwan­deln, sondern auch die Ausführung ist bestechend ... Der freche Bieler „Barbiere“ – ein Wurf! Bleiben zum Schluss eigentlich nur noch drei Fragen: Sind die respekt­einflössenden Brusthaare des Figaro wirklich echt? (Ja! P.E.) Wo in aller Welt kriegt man heutzutage noch diese schaurig-schön muffige Tapete her, mit Hilfe derer die Bühnenbildner die Absteige allerliebster Billigkeit ausschlugen? Und: Gibt es noch Karten für die nächste Vorstellung?...


Der Bund, 18.09.2006

...Eine wahrhaft brillante Saisoneröffnung... Dass Rossinis temporeiche, in ihrer Situationskomik und schnarrenden Rhythmik surreal anmutende Commedia des listigen Barbiers und subversiven Vertreters einer Gesellschaft, die sich nicht um Konventionen kümmert, den Aberwitz eines Keaton oder der Marx Brothers längst vorweggenommen hatte, hat erst das jüngere Regietheater demon­striert ... Der Regisseur (...) Paul Esterhazy verlegt Bartolo (Michele Govi) und sein Mündel Rosina (Violetta Radomirska) in ein Hotelzimmer, in dem nicht allein die Nasszelle zu wünschen übrig lässt. Aus dem sevillanischen Arzt ist ein von Drogen und Alkohol gezeichneter Alt-68er geworden, der Rosina von der Welt und den (männlichen) Verlockungen fern zu halten versucht ... Was Esterhazy an wechseln­den Personenkonstellationen, Gesten und grotesken Wirrnissen in diesem Einheits­raum, der von Flaschen, Kissen und Polstern übersät ist (Bühnenbild und Kostüme: Pia Janssen), in Bewegung setzt, ist virtuos, szenisch bestechend, umwerfend...

Blick, 18.09.2006

...In einer rasanten Inszenierung eröffnet „Il Barbiere di Siviglia“ die Saison des Theaters Biel/Solothurn ... Gioachino Rossinis geniale Vertonung des französischen Lustspiels aus dem 18. Jahrhundert lässt Paul Esterhazy als Kriminal­komödie spielen ...

...Das Ensemble spielt frisch und spontan. Zum Schmunzeln Violetta Radomirskas schmachtende Blicke, zum Lachen Valery Tsarevs Verwandlungen in einen glühen­den Liebhaber, einen scheuen Musiklehrer, einen betrunkenen Soldaten. Alle singen, als wäre Gesang die einzige Art zu lieben, zu streiten, sich zu necken. Für einen speziellen theatralischen Effekt sorgt der Chor, der als Carabinieri in eigens aus Ita­lien eingeführten Uniformen auftritt...


Solothurner Zeitung, 18.09.2006

...Regisseur Paul Esterhazy reisst Rossinis „Barbiere“ in einen Strudel von Bewegung und Koloraturen... Dass bei aller Turbulenz kein Konflikt mit der Musik entsteht, liegt an Esterhazys Stimmendramaturgie: Es ist kon­geniales Regie- und Bewegungstheater aus dem musikalischen Kontext. Und das Publikum amüsiert sich dabei köstlich. So gelingen etwa dem drogengezeichneten Bartolo mit zwei Tabletten, die rasenden Parlandi besonders gut, so sind die hals­brecherischen Koloraturen ironisch eingebunden ... Dem Bieler Musiktheater ist eine köstliche, mehr noch, eine brillante Saisoneröffnung gelungen...


Le Journal de Jura, 19.09.2006

...Un barbier flamboyant ...