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Rheinischer Merkur, 27.03.2008

> Weder Noch - Musiktheater von den letzten Dingen
von Frieder Reininghaus

Becketts Texte widmen sich der Auflösung der menschlichen Existenz. "Neither" von Feldman 1977 zur Kurzoper promoviert, passt sich experimentell zwischen Sequenz und Offertorium von Verdis Requiem ein. Im bürgerlichen Haus der Conreys und der Mode von Becketts Geburtsjahr 1906 finden Leid, Streit und Freud statt. Paul Esterhazy erzählt mit Pantomimen eine Beckettsche Geschichte. Zu Feldmans ausladendem Sopransolo erhebt sich die früh erstorbene Lieblingstochter als Seele von der Bahre und pendelt wie Sisyphos zwischen zwei Flügeltüren. In der von Rasmus Baumann vorzüglich geleiteten Aufführung profilieren sich die Sopranistinnen Aleksandra Chacinska und Alexandra Lubchansky. - Fünf von fünf Sternen!


Frankfurter Rundschau 19.03.2008

> Leichenschmaus oder Freudenfest?
von Hans-Jürgen Linke

Wo es um letzte Fragen und große Gefühle geht, ist die Oper nicht weit. Morton Feldmans Einakter "Neither", dem ein Text von Samuel Beckett zu Grunde liegt, nennt sich zwar, ist aber nicht wirklich eine Oper: dazu ist er zu kurz, und der Gesangspart besteht aus averbalen Vokalisen. Nur der Gegenstand: letzte Fragen und große Gefühle, ist unverkennbar; dominant darin ist die vergebliche Mühe. Aber Feldman zeichnet keine dramatischen Verläufe, sondern Sichtweisen wie durch aufgerautes Glas und Hintergründe wie silbrig geflecktes Halbdunkel. Die dynamischen Verläufe bleiben behutsam und in der Nähe eines Piano, Perkussionsinstrumente werden ausgiebig, aber ohne jeden Puls eingesetzt, und die einzige eingesetzte Stimme in Sopranlage ist der Teil der Klangkonstellation, dem alle anderen zuarbeiten.
Verdis "Messa da Requien" ist auch keine Oper, obgleich darin theatrale Motive, auf Opern verweisende Selbstzitate und ein dramatischer Verlauf erkennbar sind. Die letzten Fragen, um die es geht, werden gezeigt, ausgedrückt, vorgeführt, zugespitzt, aber nicht reflektiert. Das dominante Gefühl changiert unaufgelöst widersprüchlich zwischen Hoffnung und Resignation. Warum, fragt sich Paul Esterhazy, ist noch niemand darauf gekommen, Verdi und Feldman zusammen auf die Bühne zu bringen? Und genau das hat er jetzt im Staatstheater Kassel gemacht.
Die Produktion "Weder noch - Musiktheater von den letzten Dingen" bettet Feldmans Einakter in Verdis Requiem. Dem Requiem wird dabei eine Handlung untergeschoben, die am Karfreitag, dem 13. April des Jahres 1906 (also Becketts Geburtstag), in Dublin spielt. Becky Neitherton stirbt, ihre Schwester Sinead Norr bekommt Zwillinge, deren Vater Brian Norr seinen Schwager, den frischgebackenen Witwer Thomas Neitherton, der ebenso viel Vaterstolz zu empfinden scheint wie sein Schwager, mit einem Pistolenschuss . Geburt, Tod, Rache, Liebe, Eifersucht, Versöhnung - alles ist im Überfluss vorhanden. Die von Esterhazy entworfene dramatische Konstellation erscheint wie ein fast heiteres Spiel mit Namen, Worten, Anspielungen, während von der Bühne mit großem Chor Verdis Requiem zu hören ist, das die Handlung kommentiert und ins Ewiggültige überhöht.
Bis plötzlich die Tote (Maria Vicenza Straniero) erwacht. Die Bühne fährt langsam herunter und zeigt eine zuvor unsichtbare zweite Etage. Es ist dunkel, während die Darstellerin zu Feldmans Musik langsam die Treppe hochsteigt und ein beharrliches, aber aussichtsloses Spiel zwischen zwei sich öffnenden und schließenden Türen vollführt. Darstellerisch und musikalisch ist dieser Entr'acte, als der Feldmans Einakter erscheint, von einer ernsten, schmirgelnden Intensität, die in einer strukturellen Interaktion zwischen der Darstellerin und der von der Seite vibratofrei und nachdrücklich intonierenden Sopranistin Alexandra Lubchansky entsteht.
Danach verschwimmen die Grenzen zwischen Leichenschmaus und Freudenfest, Sterben und Geborenwerden, Weder und Noch - alles findet statt im Rahmen des gleichen Familienfestes in Dublin 1906 beziehungsweise im Rahmen des gleichen Verdi-Requiems, und die Solistinnen und Solisten (Aleksandra Chakinska, Sopran, Monika Walerowicz, Mezzo, Steven Neil Harrison, Tenor, und Mario Klein, Bass), schaffen es, ihren gemessenen, dem geistlichen Genre angemessenen Ernst und ihre eindringliche, aber nicht dramatisch-pathetisch aufgeladene Intonation zwanglos mit der angedeuteten Handlung zu versöhnen.
Was nicht beweist, dass es unausweichlich ist, Beckett, Feldman und Verdi so nahe zusammen zu rücken, aber immerhin, dass es möglich ist und dass dabei für das Publikum des 21. Jahrhunderts drei sich gegenseitig erweiternde Horizonte erkennbar werden.
Pia Janssens Bühnenbild findet eine historistische Konkretion, die das dramaturgisch äußerst artifiziell erscheinende Projekt in einer plausiblen bürgerlichen (bei genauerem Hinsehen sehr vielgestaltigen) Umgebung erdet. Sie hat einen Innenraum mit Holz, Treppen, Treppengeländer, Türen und Kronleuchtern entworfen, der eine Alltäglichkeit der untergeschobenen Handlung suggeriert.
Rasmus Baumann hat die anspruchsvolle Aufgabe, das Staatsorchester Kassel in der kurzen Spanne von zweieinhalb Stunden durch zwei äußerst unterschiedliche musikalische Welten zu geleiten, was überraschenderweise bei Feldman intensiver und kantiger zu gelingen scheint als bei Verdi, bei dem das Orchester während der Premiere zuweilen mit fehlender klanglicher Prägnanz und rhythmischen Reibereien zu schaffen hatte: Kleinigkeiten gleichwohl, die den ästhetischen Wert dieses eigenwillig und klug gedachten Epochen-Spagats nicht schmälern.


Hessische/Niedersächsische Allgemeine) 17. März 2008
> Die Welt ist nicht genug
Eindrucksvolles Musiktheater in Kassel: "Weder noch" verbindet Verdis "Requiem" mit Morton Feldman
von Werner Fritsch

Es gibt nichts Konkreteres als das Ungreifbare. So etwa könnte die Formel lauten, nach der Paul Esterhazy am Staatstheater Kassel ein "Musiktheater von den letzten Dingen" auf die Bühne gebracht hat. Das Verdi-Requiem als Oper? Und noch dazu in Kombination mit Morton Feldmans "Weder noch" (Neither), einem Monodram auf einen wahrhaft hermetischen Text von Samuel Beckett? Geht das?
Das Verdi-Requiem als Oper? Und noch dazu in Kombination mit Morton Feldmans "Weder noch" (Neither), einem Monodram auf einen wahrhaft hermetischen Text von Samuel Beckett? Geht das? Es geht. Und wie. Esterhazys Kunstgriff: Er erfindet eine Geschichte, die er nicht Handlung nennt, sondern "Vorgänge". Diese spielen sich am Karfreitag des Jahres 1906 in Dublin ab, es ist der Geburtstag Samuel Becketts. Eine junge Frau stirbt inmitten einer großen Gesellschaft. Und es geschieht das, was nach einem Todesfall normalerweise geschieht: Die Angehörigen sind von Trauer übermannt, und allmählich setzen die schmerzlindernden Rituale ein.
Allerdings kommen auch Geheimnisse ans Licht. Der Ehemann der Toten hat ein Verhältnis mit deren Schwester, die noch am selben Tag Zwillinge zur Welt bringen wird. Die beiden Ehemänner werden sich duellieren - und danach wieder vertragen.
Esterhazy hat aber nicht nur diese Handlung erfunden, sondern zusammen mit der Ausstatterin Pia Janssen eine ganze Welt erschaffen. Die riesige Bühne zeigt das liebevoll gestaltete Innere einer Villa. Hier ist die Gesellschaft jener Zeit versammelt, vom Hauspersonal bis zur Geistlichkeit.
Die perfekte, in warme Farben getauchte Szenerie erinnert in ihrer Realitätsnähe mehr an bildstarkes Kino als an Bühnenästhetik. Nur dass hier gesungen wird - Verdis Requiem. Die Solisten sind die Akteure: Die Schwester (Aleksandra Chacinska, Sopran), die Mutter (Monika Walerowicz, Alt) und die Ehemänner (Steven Neil Harrison, Tenor, und Mario Klein, Bass).
Allerdings erläutert nicht die Handlung den Text der Totenmesse, sondern das Umgekehrte geschieht: Die lateinischen Formeln und die überwältigenden Emotionen von Verdis Musik verleihen dem Geschehen auf erschütternde Weise Allgemeingültigkeit. Kann eine Klage über den Tod eines Menschen flehentlicher zum Ausdruck kommen als durch den Gesang des "Kyrie"?
Gleichzeitig vermittelt die ausbrechende Gewalt des "Dies irae" etwas vom inneren Schrecken einer Gesellschaft, die den Tod mit Formeln und Ritualen zu bewältigen versucht. Doch dann führt der jähe Einbruch von Morton Feldmans "Weder noch" in die Handlung vor Augen, wie vergeblich das ist: Als die nackte Tote den Totenwäschern von der Bahre fällt, erhebt sie sich und sucht in einem sich öffnenden Obergeschoss nach einem Ausgang ins Licht.
Doch während die unbarmherzig formelhaften Klänge Feldmans und die von der Sopranistin Alexandra Lubchansky in extremer Lage bewundernswert gesungenen Textfetzen einen hypnotisieren (oder auch verstören), ist die von der Tänzerin Maria Vincenza Straniero verkörperte Tote in einer Schattenwelt gefangen: Türen schließen sich, wenn man sich ihnen nähert, und öffnen sich, wenn man sich entfernt.
"Weder noch" stellt bohrend die beängstigende Frage nach der Existenz, während sich die Gesellschaft in ihrem bewussten Treiben mit vorletzten Dingen begnügt. Wenn die Handlung zu ihrer lichten Seite und zu Verdi zurückkehrt, dreht sich daher der anfängliche Satz um: Es gibt nichts Ungreifbareres als das Konkrete.
Die musikalische Verklammerung gelingt nicht weniger eindrucksvoll als die szenische. Rasmus Baumann, Kassels Erster Kapellmeister, verbindet die gegensätzlichen Intensitäten der beiden musikalischen Welten, lässt gleichermaßen mit großer Geste und intim musizieren. Und er führt die riesigen Ensembles, Chor und Orchester, souverän zusammen. In dem hervorragend besetzten Solistenquartett fallen die sonoren Bassqualitäten Mario Kleins, die lyrische Kraft Steven Neil Harrisons ("Ingemisco") und die etwas ungestüme, aber an Schattierungen reiche Stimmgewalt Aleksandra Chacinskas besonders auf.
Das Premierenpublikum reagierte gespalten: Begeisterung und Bravos auf der einen Seite, Ratlosigkeit, Ablehnung und Buhs auf der anderen.