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> Eine Sex-and-Crime-Story

Regisseur Paul Esterhazy im Gespräch

Zur Erinnerung: In was für einer Welt ist der Oldenburger "Ring des Nibelungen" angesiedelt?

Wir erzählen die Vorgänge – geleitet von Richard Wagner, der seinen "Ring" zu großen Teilen in der Schweiz geschmiedet hat – in der beengten und von der Natur bedrängten Welt der Hochalpen und zeigen, wie die vom Leben in Kargheit gezeichneten, um ihre Existenz, ihren Vorteil ringenden Kreaturen mitunter verhängnisvolle Entscheidungen treffen.

Die Inszenierung holt die mythologischen Ereignisse auf eine sehr menschliche Ebene. Ist das im Sinne Wagners?

Überlebensgroße Figuren wie Herakles, Buddha, Jesus von Nazareth oder Siegfried berühren uns erst wirklich, wenn wir sie schwach, in auswegloser Situation, mit einem Wort uns ähnlich erleben. Wagner selbst hat sich – egomanisch wie er war – stets als solch ein großer Leidgeprüfter gefühlt und inszeniert. Und deshalb menschelt es so in dieser vermeintlich entrückten Götterwelt.

Wieviel Jahre sind seit dem "Rheingold" vergangen? Was hat sich seitdem in diesem Mikrokosmos hoch oben in den Bergen verändert?

Mythologische Kalender sind nicht sehr zuverlässig. Nur soviel ist sicher: Siegmund, Sieglinde und Brünnhilde, deren Zeugung wir im "Rheingold" antizipiert haben, sind nun geschlechtsreif. Es müssen daher mindestens 16 Menschenjahre verstrichen sein. Der Titel gebende Ring des Nibelungen, den Wotan im ‚Rheingold‘ nur wenige Partiturseiten lang besitzen durfte, wird erst im "Siegfried" wieder auftauchen. Die ‚Walküre‘ ist also eigentlich eine Nebenhandlung, wenn auch eine höchst spannende: Wotans Plan, hinter dem Rücken seiner Gattin Fricka ein neues, freies Geschlecht zu zeugen, gelingt beinahe und scheitert spektakulär.

Worin liegt Wotans grundsätzliches Problem? Wie versucht er es zu lösen?

Es gibt eine alte Bauernregel: Man weiß nie genau, wo die Saat liegenbleibt. Anders gesagt: Natur lässt sich nicht manipulieren. Wotans Versuchskaninchen gehen ihrer eigenen Wege; es kommt zum unheilbaren Tabubruch der Geschwisterliebe. Daraufhin muss Wotan seinen Sohn (Siegmund) opfern, eine Tochter (Sieglinde) ins Unglück stürzen, die andere (Brünnhilde) entehren, verstoßen. In tiefer Depression sehnt er das Einzige herbei, das ihm inneren Frieden verspricht: das Ende. Aber noch sind wir nicht so weit: Der erfahrene Dramatiker Wagner entlässt uns mit einem klassischen Cliffhanger, wenn wir hören, dass ein letzter Hoffnungsträger bereits gezeugt ist: Siegfried.

Das Bauernhaus, in dem der Oldenburger "Ring" spielt, ist uns schon vertraut. Aber wie Wagners Partitur mit ihren beweglichen Motiven ist es einer dauernden Veränderung unterworfen, vieldeutig, labyrinthisch.

Das Raffinierte am "Ring"-Haus von Mathis Neidhardt ist, dass es gleichermaßen typisch und archetypisch ist. Die einzelnen Räume funktionieren auf wundersame Weise unabhängig davon, wer sie gerade bewohnt: Wotan, Hunding, Gunther. Im Freilichtmuseum in Bad Zwischenahn kann man übrigens gut sehen, wie ähnlich aus heutiger Sicht seinerzeit Bauernhäuser waren, unabhängig vom Status ihrer Bewohner.

Das Haus ermöglicht fließende Übergänge wie im Film ...

Ja, auch in der "Walküre" lenke ich mit Hilfe der Drehbühne – wie der Filmregisseur mit seiner Kamera – den Blick des Publikums. So kann ich beispielsweise zeigen, wie abwechslungsreich die berüchtigten, endlosen Monologe und Dialoge der ‚Walküre‘ in Wahrheit sind. Es handelt sich nämlich ausnahmslos um spannende Minidramen inmitten eines größeren dramatischen Bogens. Eröffnet man für jede diese Binnenszenen einen eigenen Raum, verfliegt die Zeit im Nu.

Am Ende vom "Rheingold" sahen wir, wie Wotan das Schwert Nothung in die Esche stieß. Was symbolisiert der Baum?

Die Esche, die unser Ring-Haus zusammenhält und ihm seine Mitte gibt, lebt – noch. Auch sie ist dem ewigen Kreislauf unterworfen: Im "Rheingold" spross ihr Grün, in der "Walküre" steht sie in vollem Laub – im "Siegfried" fallen die ersten Blätter.

Im "Rheingold" überraschten die Auftritte einiger, scheinbar hinzuerfundener Gestalten: Raben, Vögel, ein Bär, der Hengst Grane. 

Eigentlich ist nichts neu, höchstens neu zu entdecken: Eine ganze Generation von "Ring"-Regisseuren hatte uns nämlich die im Zyklus erwähnten tierischen Protagonisten schlicht vorenthalten. Mich hat dieses Hinweggehen über die im Text dauernd präsente Gruppe von Naturwesen immer gestört. Auch weil Wagner sein Leben lang ein Tiernarr war. Und so tauchen im Oldenburger ‚Ring‘ die Tiere alle leibhaftig auf – wenn auch zum Teil in menschlicher Gestalt; nur von den beiden Widdern, die laut Regieanweisung Frickas Wagen ziehen, sind allein die Schädel übrig geblieben.

Warum ist die "Walküre" wohl das beliebteste Stück der Tetralogie?

Meine persönliche Erfahrung bislang: Das Lieblingsstück ist immer dasjenige, mit dem man sich gerade auseinandersetzt. Im "Rheingold" ist einzigartig, wie kleinteilig, prägnant, im reinsten Konversationsstil gehalten, die Exposition zur folgenden Trilogie angelegt ist. In der "Walküre" fasziniert der große, antikische Atem in Kombination mit einem perfekten Timing bei der Entwicklung dieser unerhörten Sex-and-Crime-Story. Ein genialer Wurf. Ich freue mich schon auf "Siegfried".